Ein neues KI-Modell macht deine Kundenmails nicht automatisch besser. Drei Dateien schon: eine Steuerdatei namens CLAUDE.md, ein Firmenprofil mit euren Regeln und eure Preisliste. In meinem Test hat das ältere Opus 5 mit diesen drei Dateien das brandneue Opus 5.5 ohne Dateien geschlagen, und zwar bei allen 25 Kundenmails. Opus 5.5 mit den Dateien hat gegen sich selbst ohne Dateien 24 von 25 Mal gewonnen.
Damit du die Zahlen richtig liest: Die Testfirma ist erfunden. Die Heizung & Sanitär Berger GmbH gibt es nicht. Ihre Preisliste, ihre Regeln und ihre 25 Mails habe ich für diesen Test gebaut. Bewertet hat ein Modell, kein Mensch. (Stand: 2026-09-30 — Quelle: eigener Test, Bewertungsregeln vor dem ersten Lauf festgelegt)
Im Video siehst du die Entwürfe aus dem Test im direkten Vergleich und die drei Dateien der Berger GmbH am Bildschirm.
Inhalt
- Warum schreibt die KI trotz neuem Modell falsche Kundenmails?
- Wie lief der Test?
- Datei 1: Was gehört in die CLAUDE.md?
- Datei 2: Warum braucht die KI eure Firmenregeln?
- Datei 3: Warum ist die Preisliste so wichtig?
- Schlägt ein altes Modell mit Firmenwissen wirklich das neue?
- Wo liegen die Grenzen?
- Wie kommst du zu deinen drei Dateien?
Warum schreibt die KI trotz neuem Modell falsche Kundenmails?
Stell dir vor, du stellst die klügste Bürokraft ein, die du finden kannst. Top-Zeugnisse, schnell, formuliert besser als du. Aber am ersten Tag gibt ihr keiner die Preisliste. Keiner sagt ihr, dass ihr die Stammkunden duzt. Keiner sagt ihr, was ihr am Telefon nie versprecht. Die Texte klingen trotzdem gut. Richtig sind sie nicht.
Genau so arbeitet Opus 5.5, wenn du es ohne Firmenwissen benutzt. Hochbegabt und völlig ahnungslos, was deine Firma angeht. Und daran ändert auch das nächste Update nichts. Deine Preisliste kennt nur deine Firma.
Wie das aussieht, zeigt eine Mail aus dem Test. Frau Weiß will von der Gasheizung auf eine Wärmepumpe umsteigen. Sie fragt, was das kostet und ob ihr Nachbar recht hat, dass es bis zu 70 Prozent Förderung gibt. Opus 5.5 ohne Dateien antwortet freundlich und flüssig: Ihr Nachbar hat recht, bis zu 70 Prozent sind möglich, in Ihrem Fall realistisch 50 bis 55. In der Berger GmbH gilt aber die Regel, dass zur Förderung nichts Verbindliches gesagt wird. Mit dieser Mail stünde der Chef plötzlich mit einer Zusage da, die er nie geben wollte.
Mit den drei Dateien kam etwas anderes zurück: eine Richtpreisspanne von 26.000 bis 44.000 Euro brutto, klar als unverbindlich gekennzeichnet, und zur Förderung ein freundlicher Verweis an den Energieberater. So, wie der Chef es selbst geschrieben hätte.
Wie lief der Test?
Die Berger GmbH ist ein Handwerksbetrieb mit zwölf Leuten, erfunden mit allem Drum und Dran: Preisliste, Regeln, offene Angebote und eine volle Woche Posteingang. Aus dieser Woche kamen 25 ganz normale Mails. Wartungsanfragen, Beschwerden, eine Bewerbung, ein Kunde, der wegen einer Rechnung sauer ist.
Jede Mail hat drei Antworten bekommen:
- Opus 5.5 ohne alles. So, wie die meisten die KI heute benutzen.
- Opus 5.5 mit den drei Dateien.
- Opus 5 mit denselben drei Dateien. Das Vorgängermodell.
Verglichen hat die Entwürfe ein separates Modell, immer zwei nebeneinander. Es hatte die Firmenunterlagen als Spickzettel und wusste nicht, welcher Entwurf von wem kam. Ab wann ein Ergebnis zählt, habe ich aufgeschrieben, bevor der erste Test gelaufen ist: mindestens 20 Siege von 25. Verschickt wurde nichts, alle Antworten blieben Entwürfe.
Datei 1: Was gehört in die CLAUDE.md?
Die erste Datei ist die Steuerdatei. Bei Claude heißt sie CLAUDE.md, und sie liegt einfach in deinem Firmenordner. Da steht drin, wer ihr seid, wie ihr schreibt und was nie passieren darf. Bei der Berger GmbH sehen drei der Regeln so aus:
Wir siezen unsere Kunden. Ausnahme: langjährige Kunden, mit denen der Chef per Du ist.
Die KI schreibt nur Entwürfe, verschickt wird nichts ohne Freigabe.
Bankverbindungen ändern sich bei uns nie per Mail.
Klingt banal. Wie viel das ausmacht, zeigt schon die Grußformel. Die Berger GmbH unterschreibt immer mit „Freundliche Grüße aus Lindenfeld“. Mit der Steuerdatei stand das unter 23 von 25 Mails. Ohne Datei unter keiner einzigen. Jede dieser Mails hätte der Chef also anfassen müssen, bevor sie rausgeht.
Datei 2: Warum braucht die KI eure Firmenregeln?
Die zweite Datei ist das Firmenprofil mit euren Regeln. Nicht die Hochglanz-Version von der Website, sondern die Regeln, die sonst nur im Kopf des Chefs stehen. Bei der Berger GmbH zum Beispiel: Angebote gelten vier Wochen. Festpreise beim Heizungstausch gibt es nur nach einem Termin vor Ort. Förderzusagen gibt es gar nicht.
Herr Hartmann hat gefragt, ob sein Angebot für die Wärmepumpe noch gilt. Opus 5.5 ohne Datei hat geraten: vier bis sechs Wochen, vermutlich Mitte September abgelaufen. Und dann noch angeboten, den alten Preis zu halten. Mit der Datei war die Sache klar. Das Angebot ist am 1. September abgelaufen, der Preis wird neu geprüft. Das ist der Unterschied zwischen einem netten Text und einem Text, den du abschicken kannst.
Datei 3: Warum ist die Preisliste so wichtig?
Die dritte Datei ist die schlichteste von allen: eure Preisliste. Für mich war sie die mit der größten Wirkung.
Familie Brückner will ihr Bad sanieren und hat die Maße geschickt. Ohne Preisliste hat Opus 5.5 ein Budget von 22.000 bis 28.000 Euro erfunden. Einfach so. Laut Preisliste liegt so ein Bad bei rund 24.800 bis 31.900 Euro brutto. Stell dir vor, die Familie plant mit der kleineren Zahl und bekommt dann das echte Angebot.
Herr Kowalski wollte einen Wartungstermin. Ohne Datei hat er zwei feste Termine bekommen, die in keinem Kalender stehen. Mit Datei stand in der Antwort: 159 Euro Wartung plus 39 Euro Anfahrt. Den Termin hat die KI als ehrliche Lücke gelassen, die der Chef selbst füllt. Genau so soll es sein.
Schlägt ein altes Modell mit Firmenwissen wirklich das neue?
Ja, in diesem Test ganz klar. Das Vorgängermodell Opus 5 mit den drei Dateien ist gegen das nackte Opus 5.5 angetreten. Das neue Modell, das alle feiern, gegen das alte mit ein bisschen Firmenwissen. Ergebnis: 25 zu 0 für das alte Modell. Kein einziger Sieg für das Update.
Das Modell ist nicht mehr dein Problem. Die Modelle sind inzwischen alle gut genug, um eine ordentliche Kundenmail zu schreiben. Was fehlt, ist das Wissen über deine Firma. Das bringt dir kein Update. Das musst du der KI geben.
Wo liegen die Grenzen?
Die Version mit Dateien ist nicht fehlerfrei. Der Prüfer hat ohne Dateien 142 Fehler gezählt, mit Dateien 71. Ungefähr halb so viele, aber eben nicht null. Meistens waren es Kleinigkeiten: ein Detail im Ton oder in der Grußformel, ein Termin, der offen bleibt.
Die einzige Mail, bei der Opus 5.5 ohne Dateien vorne lag, war ein Betrugsversuch mit einer angeblich neuen Bankverbindung. Beide Versionen haben ihn erkannt, die ohne Dateien hat nur etwas vollständiger gewarnt.
Die Antworten dauern länger, weil die KI erst in deine Unterlagen schaut. Opus 5.5 hat ohne Dateien im Schnitt 28 Sekunden gebraucht, mit Dateien 43. Das ältere Opus 5 mit Dateien lag bei 61 Sekunden. (Stand: 2026-09-30 — Quelle: eigener Test)
Die wichtigste Grenze: Die Dateien sind nur so gut wie ihr Inhalt. Steht in deiner Preisliste ein alter Preis, schreibt die KI den alten Preis. Mit voller Überzeugung. Und denk an den Rahmen dieses Tests: eine erfundene Firma, 25 Mails, bewertet von einem Modell. Wie groß der Abstand bei deinen echten Mails ausfällt, zeigt er nicht.
Wie kommst du zu deinen drei Dateien?
Fang mit der Preisliste an. Die hast du meistens schon irgendwo, als Tabelle oder PDF. Leg sie in den Ordner, mit dem Claude arbeitet. Dann schreib die Regeln auf, die du neuen Mitarbeitern sonst mündlich erklärst. Die Steuerdatei kommt zum Schluss, weil sie auf die beiden anderen verweist.
Die Dateien der Berger GmbH habe ich übrigens nicht von Hand geschrieben. Die hat das Firmenhirn-Kit gebaut, ein Baukasten, den wir bei AIND genau dafür entwickelt haben. Du beantwortest ungefähr zehn einfache Fragen zu deiner Firma, und es richtet Steuerdatei und Regeln ein, dazu ein Gedächtnis für deine Korrekturen und einen Riegel, der Kundendaten, Buchhaltung und Passwörter sperrt. Deine Preisliste und deine Unterlagen legst du selbst dazu. Das Kit kostet 67 Euro einmalig, einen eigenen Claude-Zugang brauchst du zusätzlich.
Welche weiteren Bausteine aus einer KI einen echten Mitarbeiter machen, habe ich im Beitrag über Claude Code als KI-Mitarbeiter beschrieben.
Die drei Dateien zum Ausfüllen
Was genau in die drei Dateien gehört, steht im kostenlosen Cheat Sheet: Vorlagen für Steuerdatei, Firmenregeln und Preisliste zum Ausfüllen. Dazu kommt, was im Video keinen Platz hatte, nämlich welche Regeln im Test den größten Unterschied gemacht haben und welche du dir sparen kannst.


